Der Berg und die Psyche

sxc_1235378_65907529_reflectionsDie Berge üben auf den Menschen von jeher große Faszination aus. Der moderne Mensch findet am Berg, was ihm sein Berufsalltag vorenthält - und nicht selten ein Stück geistige Gesundheit. Wir Menschen sind nach wie vor fasziniert von den Bergen. In längst vergangenen Zeiten hatte diese Faszination auch etwas mit Religion zu tun. Heute liefern die Berge einen krassen Gegensatz zum technisierten und normierten Alltag, und wir finden dort noch eine - zumindest auf den ersten Blick - unverfälschte Natur vor. Extremsportler, erholungsuchende "Durchschnittsmenschen" und erlebnishungrige "Freizeitmenschen" sind gleichermaßen in den Bergen zu finden. Das Verhältnis der Menschen zu den Bergen unterliegt einem historischen Wandel.

In verschiedenen Religionen spielten Berge einst eine zentrale Rolle. Nicht nur, dass manche Berge als heilig galten, auch in der jüngeren Geschichte werden die Berge als "heil Machende" verstanden. Die Luft in den Bergen gilt als besonders rein und gesund, Lebensmittel und Wasser aus den Bergen sollen nicht nur gut schmecken, sondern auch gesundheitsfördernde Eigenschaften haben. Durch ihre Höhe und Abgeschiedenheit sind die Berge in der Lage, Distanz zum Alltag herzustellen, sie eignen sich so auch zum Nachdenken, zum Meditieren.

Berg und Angst

In den Bergen lauern aber auch Gefahren, mit den Bergen sind daher auch Ängste verbunden. Früher fürchteten die Menschen Berg-Geister und Dämonen; heute konzentrieren sich die Ängste auf reale Gefahren wie Naturereignisse und Seilbahnkatastrophen, oder haben eine psychische Komponente wie die Höhenangst.

Die Angst und ihre Überwindung gehören zum Bergsteigen. Der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl sprach aus, was ihn zum Klettern bewogen hat: "Offen gesagt - die Angst davor"; die Überwindung dieser Angst bewertet er in seinem Buch "Bergerlebnis und Sinnerfahrung" positiv. Die Leistung, vor allem die "Verzicht-Leistung" des Bergsteigers ist nach Frankl eine wichtige Schule zur Bewältigung des Lebens. Nicht um die Vermeidung von Stress geht es ihm, sondern um einen die Gesundheit erhaltenden Stress ("eustress"), der im Gegensatz zum krankmachenden Stress ("disstress") steht.

Gesunde Spannung

Spannungsvermeidung und Unterforderung sind natürliche Feinde des Bergsteigers. Er versucht, sich Ziele zu setzen und diese nach Möglichkeit zu erreichen. Die Leistung, die er dabei erbringt ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige. Hierbei wird vor allem Frustrationstoleranz trainiert. Das bedeutet: Der Bergsteiger muss in der Lage sein, sich Anstrengungen abzuverlangen, aber gegebenenfalls auch umkehren können, bevor er den Gipfel erreicht. Er muss seine Fähigkeiten und Möglichkeiten realistisch einschätzen lernen.

Wenn es dagegen nur um die Vermeidung von Spannung geht, so wird Frustrations-Intoleranz hervorgerufen, es kommt zu einer Art "psychischer Immunschwäche" (Frankl). Das heißt, Menschen sind nicht mehr in der Lage, mit den Schwierigkeiten des Lebens umzugehen.

Der Bergsteiger als Asket

Der klassische Bergsteiger ist ein moderner Asket. Er ist diszipliniert, verlangt sich viel ab und hat Respekt vor den Bergen. Diese Askese drückt sich auch im Leben auf den Hütten aus. So geht der Bergsteiger zeitig zu Bett und schlägt auch sonst nicht über die Stränge. Ich kann mich erinnern, dass ein Hüttenwirt einen jungen Mann, der kurz vor der Hüttenruhe noch ein Bier bestellte, forsch zurechtwies: "Saufen könnt ihr unten im Tal!" Diese Askese erzeugt unter den Bergsteigern das Gefühl, einem erlauchten Orden anzugehören.

Mit den Bergbahnen und Schiliften des 20. Jahrhunderts wurde es aber auch untrainierten und somit "ordensfremden" möglich, in die Klausuren der Bergsteiger einzudringen. Es waren anfänglich noch "Halbschuh-Touristen", danach kamen die Massen der Schifahrer dazu und in jüngster Zeit sind es Erlebnistouristen, die den Kick der Berge suchen. Für Teile dieser neuen Klientel sind die Berge aber nicht Orte der Sinnerfahrung, sonder eine neue "Location" für den "Event". Dass auch diese Touristen den alpinen Gefahren ausgesetzt sind, merken sie erst bei Lawinen- oder Seilbahnunglücken. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst findet dann via Medien statt, und Überlegungen wie "Bergerlebnis und Sinnerfahrung" von Viktor E. Frankl schauen ziemlich altmodisch aus.

 

 

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