Auch wenn die Bundesrepublik Deutschland im weltweiten Vergleich über einen recht hohen Wohnstandard verfügt, stellt sich die Wohnsituation für ältere Menschen durchaus kritisch dar, wenn es um die Qualität der eigenen vier Wände geht. Und das, obgleich gerade im zunehmenden Alter aufgrund der nachlassenden physischen Fähigkeiten eine qualitativ hochwertige Wohnausstattung an Bedeutung gewinnt.
Eine altersgerechte Wohnung bzw. ein entsprechendes Wohnumfeld können nämlich durchaus dazu beitragen, die häufig unvermeidbaren altersbedingten Einschränkungen in der körperlichen Leistungsfähigkeit, wenn auch nicht gänzlich zu beseitigen, so doch zumindest ein wenig abzumildern. In den letzten 10 Jahren haben sich die Wohnverhältnisse älterer Menschen über 65 Jahre sowohl vergrößert als auch verbessert – so kann man die Ergebnisse der Datenanalysen grob zusammenfassen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung von Baualter, Größe und Ausstattungsmerkmale der Wohnungen älterer Menschen in den Jahren 1994 und 2003.
Die Zahl der älteren Menschen, die in Gebäuden aus der Vorkriegszeit wohnen, ist zwischen 1994 und 2003 deutlich zurückgegangen. Mittlerweile wohnt weniger als ein Drittel der Älteren in Wohnungen, deren Baujahr vor ihrem Geburtsjahr liegt. Fast 40 Prozent wohnen in Wohnungen aus den 50er und 60er Jahren, weitere 30 Prozent in Wohngebäuden, die 1972 und später errichtet wurden. Das Baujahr der Gebäude ist insofern ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung der Wohnqualität, als die einzelnen Baualtersklassen von Architektur- bzw. Baustilen dominiert werden. So handelt es sich bspw. bei einer Vielzahl der Mietwohnungsgebäuden aus den 50er Jahren um drei- bis viergeschossige Zeilenhäuser mit Halbgeschossen und Hochparterre. Die Wohnungen sind meist als kleine Zwei- bis Drei-Zimmer Wohnungen konzipiert mit kleinem Bad und Kochküche.
Für ältere Menschen mit eintretenden Bewegungsbeeinträchtigungen eignen sich diese Wohnungen aufgrund der geringen Bewegungsflächen innerhalb der Wohnungen nur bedingt. Da diese Gebäude meist nicht über Aufzüge verfügen, stellen Treppen – selbst in Erdgeschosswohnungen! – eine weitere Barriere dar. Auch die seit den 70er Jahren insbesondere im Umfeld der Ballungszonen entstandenen Einfamilien-Reihenhäuser entsprechen den Anforderungen an die Barrierefreiheit nicht. Geht man von einem durchschnittlichen Einzugsalter in diese Siedlungen von ca. 35 bis 40 Jahren aus, so erreichen die Eigentümer/innen in den nächsten Jahren genau das Alter, in dem die ersten altersbedingten physischen Einschränkungen auftreten. Angesichts der Homogenität dieser Einfamilienhaus-Gebiete entsteht auf kommunaler Ebene erheblicher Handlungsbedarf.
Auch die Mehrzahl der Wohnungen jüngeren Baujahres ab 1990 ist nicht barrierefrei im Sinne der DIN 18025, Teil 2; vorhandene Aufzüge erhöhen hier jedoch oftmals Wohnqualität älterer Menschen. Mieterbefragungen kommen zu dem Ergebnis, dass ca. 32 Prozent des Wohnungsbestandes aller Wohnungen von der Zielgruppe als nicht geeignet angesehen werden. Für die Wohnungswirtschaft besteht an dieser Stelle weiterer Handlungsbedarf, nicht zuletzt auch, um Mieter/innen im Bestand zu halten bzw. Wohnraum mit Hilfe entsprechender Modernisierungen attraktiv zu machen.
Umgekehrt gilt es auf der Nachfrageseite, Senioren/innen eventuelle Vorzüge eines Umzugs in eine altersgerechte Wohnung aufzuzeigen bzw. ein Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse des Wohnens zu schaffen. In Bezug auf die Ansprüche an das Wohnen im Alter ist eine veränderte Erwartungshaltung der älteren Generation feststellbar: Zum einen möchte die Mehrheit der Älteren so lange wie möglich selbstständig in ihrer vertrauten Umgebung wohnen bleiben, zum anderen gibt es aber eine wachsende Zahl Senioren/ innen, die durchaus bereit sind, im Alter umzuziehen und etwas Neues auszuprobieren.
Heinze et al. (1997) haben in einer Studie festgestellt, dass etwa 65 Prozent der Altershaushalte umzugsbereit sind, wenn die Alternative einer altersgerechten Wohnung konkret in Aussicht steht. Des Weiteren zeigt sich, dass Senioren/innen gerne unabhängig und selbständig den eigenen Alltag bewältigen wollen, Wert auf Kommunikation legen, Angst vor Einsamkeit haben und sich wünschen, auch im Alter nicht als unnütz zu gelten. Natürlich sind die Bedürfnisse und Wünsche in Bezug auf das eigene Wohnen ebenso vielfältig wie die unterschiedlichen Lebensverhältnisse älterer Menschen.
Dennoch lassen sich anhand repräsentativer Umfragen einige Punkte festhalten, die zumindest nach der Anzahl ihrer Nennungen der Mehrheit älterer Menschen gemeinsam scheint. Der Bereich Wohnen ist ein wichtiger Bestandteil der eigenen Lebenswelt – für Senioren/innen umso mehr, da sie aufgrund körperlicher Eingeschränktheiten mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen. Da sich mit zunehmendem Alter die physischen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen in der Regel verändern, werden Umweltfaktoren für das eigene Wohlbefinden immer wichtiger. Die physische Vitalität korreliert mit einer leichteren Anpassung an günstige und ungünstige Umweltfaktoren. Das bedeutet, dass ein körperlich gesunder Mensch angesichts von Faktoren wie einer weniger behindertenfreundlichen Wohnung keine Defizite bemerkt, während sich bei älteren, gehbehinderten Menschen dieser ungünstige Zustand auch einschränkend auf Lebenswelt und Wohlbefinden auswirkt, wenn alltägliche Vorgänge nur mühevoll bewältigt werden können. Die Folge der altersbedingten Erscheinungen ist schlichtweg die, dass der räumliche Aktionsradius geringer wird.
Der Bereich Wohnen nimmt damit im Alter eine zentrale Position der täglichen Lebensführung ein, in dem Kommunikation, soziales Leben und Freizeit erlebt wird. Die Wohnung wird zunehmend zum Lebensmittelpunkt. Dies belegen auch die Ergebnisse von Zeitbudget-Studien zum Thema Alltagsverlauf im Alter.
Hervorgehoben werden sollte die Gegenthese zum herkömmlichen Bild, dass ältere Menschen weniger Wohnraum zum Leben bräuchten als jüngere Menschen. Gerontologen/innen argumentieren dagegen, dass im Gegenteil der ältere Mensch aufgrund des engeren Aktionsradius sogar auf eine größeren Wohnraum angewiesen ist (so etwa Lehr 2004). Diesen Studien zufolge verlässt der ältere, nicht mehr erwerbstätige Mensch weniger als 3 Stunden das eigene Zuhause, bei Alleinlebenden verlängert sich diese Zeit um eine Stunde im Vergleich zu Älteren, die in Mehrgenerationenhaushalten leben.
Aus den Ergebnissen solcher Studien lässt sich zudem schließen, dass die täglichen Vorgänge wie das Bereiten und Verzehren von Mahlzeiten, Einkaufen, Lesen etc. in einem höheren Maße „zelebriert“ werden als bei jungen Menschen. Bei Heimbewohnern/innen ist der Anteil an Aktivitäten im Haus – nicht zuletzt aufgrund der eigenen Pflegebedürftigkeit – umso größer. Doch nicht nur die eigene Wohnung, das eigene Haus, das eigene Zimmer, gewinnt im Alter an Bedeutung. Gerade die Wohnumgebung, die bereits im Treppenhaus beginnt, spielt für Senioren/innen eine wichtige Rolle. Aufgrund der im Alter eingeschränkten physischen Fähigkeiten sind ältere Bewohner/innen vor allem auf die Infrastruktur in unmittelbarer Nähe angewiesen wie Einkaufsmöglichkeiten, eine günstige Versorgungsdichte mit Arztpraxen und die Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr.
Insofern spielt auch die Umgebung, in der sich der ältere Mensch außerhalb seiner Wohnung täglich bewegt, eine beachtenswerte Rolle, nicht zuletzt auch aufgrund einer im Vergleich zu jüngeren Menschen stärkeren emotionalen Bindung an eine gewohnte und bewohnte Umgebung. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine allgemeine Zufriedenheit mit dem eigenen Leben mit der allgemeinen Wohnzufriedenheit im Alter korreliert.
Es besteht Konsens in der medizinischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Altersforschung, dass zwar im hohen Alter die Wahrscheinlichkeit von gesundheitlichen Beeinträchtigungen überproportional steigt, allerdings wollen und können die Menschen sehr lange in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus verweilen. Insgesamt sind in der Altersgruppe der 80- bis 85-Jährigen nur etwa 6 Prozent pflegebedürftig, bei den 85- bis 90-Jährigen etwa 13 Prozent und bei den über 90-Jährigen über 25 Prozent. Trotz der wachsenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Hochaltrigen ist doch hervorzuheben, wie wenig Ältere wirklich permanent „gepflegt“ werden müssen.