WiA 1 - „Wohnen im Alter“: Herausforderungen und Gestaltungsperspektiven

thumb_sxc_1229588_11996130Die Tatsache, dass die deutsche Gegenwartsgesellschaft eine alternde und schrumpfende Gesellschaft ist, stellt für die Wohnungswirtschaft eine wichtige Herausforderung dar. Handlungsbedarfe hinsichtlich der Nutzung der seniorenwirtschaftliche Potenziale im Wohnbereich lassen sich grob ableiten aus der:

  1. der demographischen Entwicklung (Steigerung der Zahl der Hochaltrigen und damit einhergehend der Zahl der Menschen mit Unterstützungs- und/oder Pflegebedarf),
  2. gesamtgesellschaftlichen Trends (sinkende familiäre Hilfepotenziale durch Demographie, steigende Erwerbsquote bei Frauen und Wertewandel),
  3. der Struktur des Wohnungsbestandes (vor allem die Mietwohnungsbestände aus den 50er und 60er Jahren, aber auch die Eigenheime aus den 70er Jahren genügen in baulicher Hinsicht nicht den Anforderungen bzw. Bedarfen älterer Menschen).

„Wohnen im Alter“ darf jedoch nicht nur ein Schlagwort bleiben, sondern Wohnungsunternehmen und auch andere Anbieter sozialer Dienstleistungen müssen die sich hier bietenden Chancen in der Seniorenwirtschaft konstruktiv aufnehmen. Dass Seniorenhaushalte konsumfreudiger und zahlungskräftiger sind als oft angenommen, geht aus einer Ende 2005 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vorgestellten Studie hervor.

Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des Ministeriums ermittelt hat, weisen Haushalte mit Bezugspersonen im Alter zwischen 65 und 75 Jahre hier zu Lande mit rund 84 Prozent die höchste Konsumquote aller Altersgruppen auf.

Zum Vergleich: Im Durchschnitt geben die deutschen Privathaushalte nur etwa 75 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für den Konsum aus. Gleichzeitig entfiel beispielsweise im Jahr 2003 mit 308 Mrd. Euro fast ein Drittel der gesamten Kaufkraft auf Haushalte von Menschen ab 60 Jahren. In diesem Zusammenhang muss explizit auf die Bedeutung des Wohnens innerhalb der Ausgaben privater Haushalte hingewiesen werden. Schaut man sich die letzten 50 bis 60 Jahre an (hierfür liegen verlässliche empirische Daten vor), dann haben sich gerade die Ausgaben für Wohnen und Gesundheit massiv erhöht und dominieren heute die Ausgabenstruktur (mit gewissen Differenzen zwischen West- und Ostdeutschland).

Während in den 60er Jahren noch die Nahrungs- und Genussmittelausgaben die dominierende Ausgabenkategorie waren, hat sich dies gewandelt und das Wohnen wurde zur führenden Ausgabenkategorie (vgl. u. a. Bögenhold/Fachinger 2005). Auf Grund der Alterung der Gesellschaft wird die Bedeutung von älteren Menschen für die Konsumnachfrage in den kommenden Jahren noch weiter ansteigen (nach Prognosen wird sich die Quote von Haushalten mit über 75-Jährigen bis zum Jahr 2050 verdoppeln).

Der Bereich des Wohnens spielt in einer aktiven Bewältigungsstrategie des demografischen Wandels also eine zentrale Rolle und ist davon auf verschiedenen Ebenen betroffen:

  • thumb_sxc_444993_71658404_chairVeränderung der Zielgruppe:
    Die Menschen werden immer älter, wohnen häufiger alleine und wollen auch mit körperlichen Beeinträchtigungen möglichst lange in der eigenen Wohnung leben. Dies führt zu einer steigenden Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen aber auch alternativen Wohnformen.
  • Notwendigkeit „neuer Allianzen“:
    Zur Bewältigung der Auswirkungen des demografischen und sozialen Wandels müssen die Akteure aus Wohnungsunternehmen, sozialen Dienstleistungsträgern (von Wohlfahrtsverbänden bis hin zu privaten Pflegeunternehmen), Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Wissenschaft besser zusammenarbeiten und neue, innovative Formen der Kooperation entwickeln. Neben den Wohnungsunternehmen sind im Wirtschaftsbereich auch gerade die Handwerksbetriebe ein wichtiger Akteur; und diese positionieren sich auch inzwischen in diesem „Marktfeld“. „In der alters- und behindertengerechten Anpassung von Wohnraum, Hotels und Freizeitanlagen liegt einer der dynamischsten Wachstumsmärkte überhaupt“, erklärte der Kammer-Hauptgeschäftsführer von Nordrhein-Westfalen, Thomas Köster. Die Handwerkskammer taxiert auf der Grundlage eigener Berechnungen das aktuelle Investitionsvolumen der Rentnergeneration allein in Nordrhein-Westfalen auf 6,4 Mrd. Euro.

Lebensformen im Alter

Die vom Statistischen Bundesamt prognostizierte demografische Entwicklung geht davon aus, dass im Jahr 2050 die Hälfte der Bevölkerung älter als rund 50 Jahre sein wird. Der Anteil der 60-Jährigen und Älteren erhöht sich von etwa einem Viertel im Jahr 2002 auf mehr als ein Drittel in 2050, die über 80-Jährigen werden sogar 12 Prozent der Bevölkerung ausmachen – 2002 waren es noch 4 Prozent. Dieser zahlenmäßige Zuwachs wird von einem weiteren Trend begleitet: der zunehmenden Ausdifferenzierung des Alters.

Alt ist nicht gleich alt, die breite Gruppe der älteren Menschen ist sehr heterogen. Eine Möglichkeit der Klassifikation ist die Unterscheidung der Älteren anhand ihres Lebensalters (hinzu kommen aber auch Differenzierungen nach Einkommen, Technikvertrautheit oder Geschlecht). Unterschiedliche Seniorentypen weisen zumeist unterschiedliche Wohnanforderungen auf, die wirtschaftlich entsprechend differenziert behandelt werden müssen.

„Um die zukünftigen Herausforderungen zu bewältigen, werden wir das Wohnen im Alter stärker in die gesellschaftliche Mitte rücken müssen. Es geht darum, unterschiedliche Wohn- und Betreuungsangebote innovativ weiter zu entwickeln und sie kleinräumig verknüpft in die Wohngebiete zu integrieren. Dort wo Jung und Alt zusammenleben wird es am ehesten gelingen, gegenseitige Hilfe und Eigenverantwortung für das Wohnen im Alter zu stärken.

Es geht um den schwierigen Umsteuerungsprozess von einer Versorgungs- zu einer Beteiligungsgesellschaft. Ein solcher Umbau kann nur gelingen, wenn die verschiedenen Akteurinnen und Akteure ausreichend informiert sind und miteinander kooperieren. Häufig fehlen in der Praxis bisher jedoch Erfahrungen für ein synergetisches Zusammenwirken der Beteiligten“.

Im Zusammenhang mit der veränderten demografischen Entwicklung und der Ausdifferenzierung des Alters macht sich im Bereich des Wohnens auch der fortschreitende soziale Wandel bemerkbar. Laut Mikrozensus 2004 wächst die Zahl der Privathaushalte, während gleichzeitig die durchschnittliche Haushaltsgröße in Personen sinkt.

Mit anderen Worten: Es leben immer weniger Menschen in immer mehr Wohnraum. Die klassische Haushaltsform der 2-Generationenfamilie als eindeutig dominante Wohnform wurde von einer Vielzahl verschiedener Formen des Zusammenlebens abgelöst. Dazu gehören insbesondere die Einpersonen- oder Singlehaushalte, die mit einem Anteil von 37 Prozent an allen Haushalten zur führenden Haushaltsgröße herangewachsen sind. Auch im zunehmenden Alter stellt das Wohnen im Einpersonenhaushalt eine weit verbreitete Wohnform dar. In der Altersgruppe der 80 bis 99-Jährigen leben nur etwa 31 Prozent in einem Paarhaushalt, während 64 Prozent der älteren Menschen in einem Einpersonenhaushalt wohnen.

Gegenseitige Hilfeleistungen der Partner bei einfachen Verrichtungen des Alltags können also nicht geleistet werden. Verschiedene Umfragen bestätigen, dass das Wohnen in den eigenen vier Wänden die beliebteste Wohnform für Senioren/innen darstellt. Allerdings wird an dieser Präferenz auch deutlich, dass einerseits ein Anpassungsbedarf in baulicher Hinsicht vorhanden ist und anderseits zeigt sich die Notwendigkeit neuer sozialer Dienstleistungsangebote, damit ältere Menschen auch in der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus im höheren Lebensalter versorgt werden können. Sicherheit im Alter wird so in den verschiedenen Dimensionen (auch in gesundheitlicher Hinsicht) zu einem zentralen Thema der Wohnungswirtschaft und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für ergänzend Dienstleistungskonzepte.

Ein Streitpunkt war und ist immer noch die Frage, ob ältere Menschen lieber am Rande der Stadt im Grünen oder mitten im pulsierenden Innenstadtbereich leben wollen. Studien belegen, dass im Grunde genommen beide Ansätze für sich stimmen, auch wenn das Wohnen in städtischer Lage ein wenig die Nase vorn hat und das Wohnen „ab vom Schuss auf der grünen Wiese“ ohne altersgerechte Infrastruktur von älteren Menschen eher abgelehnt wird. Befragt man Senioren/innen nach ihren persönlichen Präferenzen, zeigt sich ein interessantes Antwortspektrum, das vor allem davon abhängt, in welcher Gegend der Befragte zum Zeitpunkt der Untersuchung seinen Wohnsitz hat. Mit anderen Worten: ein Teil der Senioren/innen präferiert genau das Gebiet, in dem man schon bislang gewohnt hat, andere wünschen sich einen radikalen ‚Tapetenwechsel’. Eine allgemein gültige Antwort gibt es also nicht.

Deutlicher werden die spezifischen Bedürfnisse bei der Betrachtung statistischer Umfrageergebnisse. In einer Untersuchung im Auftrag der Schader-Stiftung mit der Fragestellung, welche Wohnlage man bei einem Umzug in eine seniorengerechte alternative Wohneinrichtung bevorzugen würde, wurden Senioren/innen aus unterschiedlichen Wohnlagen (Zeilenhaussiedlungen und Innenstadtbewohner) sowie aus unterschiedlichen Siedlungstypen (Großwohnsiedlung und Arbeitersiedlung) befragt.

Dabei stellte sich heraus, dass Senioren/innen, die bislang im Innenstadtbereich wohnten, mit einem Anteil von etwa 40 Prozent diese Lage auch weiterhin bevorzugen, während dagegen knapp 30 Prozent eine Verbesserung in einem Umzug an den Stadtrand/Vorort sehen. Die Vermutung, dass Senioren/innen eher die gewohnte Wohnlage bevorzugen, spiegelt sich auch in den Antworten der Bewohner aus Zeilenhaussiedlungen wider. Knapp 40 Prozent würden am liebsten an den Stadtrand ins Grüne bzw. in den Vorort ziehen. Nur 19 Prozent zieht es direkt ins Stadtzentrum.

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